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Vertrauen

Eine wahre Geschichte über Vertrauen und Loslassen

„…man kann auch von den Kleinsten lernen…!“

 

Ich hatte bereits in mehreren schlauen Büchern über Fügung und Vertrauen gelesen. Wie das im wahren Leben funktioniert, das lehrte mich eine kleine Waldmaus.

 

Früher putzte ich freitags in einem Büro eines Rohrreinigungsservice. In dieser Woche jedoch musste ich an einem Donnerstag. Während meiner Arbeit kamen die Rohreiniger von einem Einsatz zurück. Sie leerten einen vollen Tank mit Abwasser, in einen dafür vorgesehenen Container.

 

Dieser enorme Wasserstrahl faszinierte mich. Was da alles aus dem Tank heraus floss. Eine braune, übel stinkende Brühe, mit allerlei Inhalt.

„Iiihhh“ eine tote Maus schwamm auf der Oberfläche des Wassers. „Noch eine!“ Beim genaueren Hinsehen erkannte ich, dass es sich bei der Zweiten um eine Babymaus handelte.

 

Während ich über diese toten Tiere nachdachte, sprudelte es regelrecht aus dem Tank. Ein undeutliches Ding flog mir direkt vor die Füße. Ich kniete mich nieder um zu sehen, was mir da zu Füßen lag. „Oh, noch eine Mäusebaby. Halt! Es bewegt sich!“

Vor mir lag ein klitschnasses Mäusebaby und gab mir direkt zu verstehen „…hey, ich lebe noch!“

 

Unglaublich! Alle waren auf dem langen Weg durch München in dem Tank ertrunken, doch dieser kleine Fratz, hatte überlebt!

Ich hob ihn auf und ging ins Büro. Zum Anschauen war er recht süß. Er hatte schon Fell, alles war dran. Die Augen und Ohren waren noch geschlossen. Wie er da so mit den geschlossenen Augen da lag, einfach goldig! „Aber was machen wir jetzt damit?“ Alleine würde er es kaum überleben. Leider stand auch die schreckliche Idee im Raum, ihn zu töten. Doch so schnell der Gedanke aufkam, verlor er sich auch gleich wieder.

 

„Er hat bestimmt Hunger!“ Ich glaube, diese Vermutung ist immer die Erste, wenn man ein Findelkind findet. Also setzten wir ihn auf einen Unterteller mit verdünnter Kondensmilch. Aber selber Trinken war wohl noch zu fortgeschritten für das kleine Etwas. Allerdings stellte er sich auf seine noch total wackeligen Beinchen und begann sich zu putzen. Er hatte wohl bei meinem unglücklichen Versuch ihn zum Trinken zu bewegen, Milch in die Nase bekommen. Bei dem Anblick hatte ich gleich das Gefühl, das ist ein Kämpfer! Er mag zwar klein, ganz zart sein, doch er hat Kraft. Kraft und Lebenswillen!

„Hinterm Haus sind doch Mäuse. Setzten wir ihn doch vor ein Mäuseloch, vielleicht wird er ja abgeholt.“ Schöner Gedanke! Mit dieser Lösung konnte ich leben. Ich setzte ihn zusammen mit seinem Milchteller vor ein Mäuseloch.

Als ich mit meiner Arbeit fertig war, musste ich nachsehen. „Er wurde abgeholt!“ Was waren wir alle erleichtert!

Als ich den Teller aufhob, um diesen wieder zurück ins Haus zu tragen, was fand ich da? Die kleine Maus. Sie hatte sich unter dem Teller versteckt.

Im Nachhinein war ich froh, dass ich die Maus nicht übersehen hatte.

Ich nahm den Kleinen wieder mit ins Haus. „Und nun? Wer nimmt ihn mit? Im WWW fanden wir recht schnell eine Seite mit Erfahrungsberichten über Mäuseaufzucht. Sätze wie: „ …alle 2-3 Stunden füttern, mit geringer Aussicht auf Überlebenschance…“ Keiner wollte so recht, doch ich dachte mir nur: „Auch dieses noch so kleine Leben muss bewahrt werden. Ein Versuch ist es wert. Schließlich kam er durch ganz München hier her und viel mir vor die Füße. Er ist ein Kämpfer!“ Als wir noch rätselten, saß die kleine Maus auf dem Schreibtisch und pinkelte erstmal. Diese Bestätigung, dass zumindest diese Funktionen alle in Ordnung waren, ließen mich keinen Moment länger zögern und ich packte den kleinen Mann ein.

 

Mir war gar nicht recht zu Mute. Wie sollte ich das schaffen. Ich hatte keine Ahnung von Mäusen. Ich holte mir Tipps von einer Tierärztin. Die gab mir noch eine Pipette zur Fütterung mit. Sogleich zuhause angekommen, bereitete ich die erste Fütterung vor.

 

Für einen Grobmotoriker wie mich, war es keine Leichtigkeit etwas so zerbrechliches festzuhalten, ohne es zu zerquetschen. Aber gemeinsam schafften wir es und der Kleine bekam seine erste Mahlzeit. Und er hatte richtig Hunger!

„Hm, ein Name muss her. Tiere ohne Namen sterben!“ Also sollte er „Lucky Lukas“ heißen!

Als mein Freund nachhause kam, war er über unseren Familienzuwachs erstaunt. Die Idee, ihn in einem schäbigen Pappkarton zu halten, fand er gar nicht schön. Also wurde schneller Hand, eine Art Terrarium gezimmert. Gut gefüllt mit Kleintierstreu, konnte es sich Lukas dort gemütlich machen.

 

Am Liebsten aber, lag der Kleine in meiner geschlossenen Hand.

Zum Gassi gehen, Arbeiten im Haushalt, Fernsehen, egal was, Lukas schlief in meiner Faust. Nachts allerdings musste er in seinen Käfig zurück.

Ich fütterte ihn alle 3 bis 5 Stunden. Die Fütterung glich einem Vollbad. Die Dosierung mit einer Pipette und das Trinken einer Maus erfolgreich zu koordinieren, will gelernt sein. Schon mal die kleine, pinke Zunge einer kleinen Maus gesehen?

Anschließend wurde das überaus stramme Bäuchlein massiert.

Wie man sich tierisch über Pippie und A-A einer Maus freuen kann! Lol : )

 

Jedes Mal, wenn ich ihn vor dem Schlafen gehen gefüttert hatte, fragte ich mich ob wir uns morgen wiedersehen. Dann erinnerte ich mich an seinen Lebenswillen, welchen er mich täglich spüren lies. An das Vertrauen, dass man in das Gute haben soll. „Alles wird gut und alles kommt, wie es kommen soll.“ Er hatte es schon so weit geschafft, dann wird der die Nacht auch überstehen. Jeden Morgen wurde ich aufs Neue überzeugt.

 

 

In der Zwischenzeit ging ich mit Lukas im Gepäck zu meinen Terminen. Manche Leute fanden mein Engagement ganz toll, andere hatten nur ein mitleidendes Lächeln übrig. „Vielleicht stirbt sie ja ganz von alleine!“

„Ja klar, ihr Pessimisten!“

 

Der Kleine vermittelte mir so viel Kraft, lehrte mich Feingefühl, Geduld und Ideenreichtum.

 

Bald war es an der Zeit, zu fester Nahrung über zu gehen. Wir kauften Mäusefutter und zerkleinerten es. Diese feinen Brösel schmierte ich ihm in sein milchnasses Fell. So bekam er beim Putzen schon mal einen Vorgeschmack. Innerhalb eines Tages, wollte er nur noch Trockenfutter. Lukas entwickelte sich rasant. Nach einer Woche war der Spuk des nächtlichen Fütterns vorbei.

 

 

Eines Nachts benutzte Lukas die Luftlöcher des provisorischen Terrariums, als Ausstieg. Sein Versteck sollte eine Nische unterm Kühlschrank sein. Zum Glück war er bei seinem nächtlichen Streifzug nicht unserem Hund begegnet. Der ist nämlich als äußerst geschickter Mäusefänger bekannt.

Wir fanden Lukas und nutzten diese Gelegenheit, um mal wieder unter dem Kühlschrank zu wischen. „Aus jeder Situation das Beste machen.“

 

Bei diesem Ausflug sollte es aber nicht bleiben. Ein zweites Mal wagte er mehr und es ging über den Flur bis ins Wohnzimmer. Das hätte ich ihm nie zugetraut. Ich dachte eher, der Hund hätte ihn verspeist, als ich ihn dieses Mal nicht unter dem Kühlschrank fand. Doch beim Abendessen huschte er über den Wohnzimmerteppich.

Eine größere Behausung musste her. Also kam er in ein altes Aquarium.

 

Bald stellte sich die Frage: „Wohin, wenn er ausgewachsen ist? Wirklich auswildern und allen Gefahren die da draußen lauern, aussetzen? Alle Mühe, damit er von der nächst besten Katze gefressen wird?“

Diese Entscheidung quälte mich sehr.

Lukas allerdings nutze in der Zwischenzeit, ein weiteres Mal seine Kletterkünste und nagte ein Loch in die Abdeckung des Aquariums um noch einmal auf Streifzug zu gehen. Wieder ohne vom Hund erwischt zu werden.

Dieser kleine Mäusemann, hatte es faustdick hinter den Ohren. Er war richtig groß geworden. Er hatte sich prächtig entwickelt und machte mir jeden Tag deutlich, dass er raus wollte.

Eines Tages hatte er mich ganz spontan überredet. Ich saß vor seinem Aquarium und schaute ihm zu. Er fraß und ich hatte das Gefühl als wolle er mir sagen  „…hey, heute ist ein schöner Tag, ich habe meine Koffer gepackt!“

So nahm ich das Heunest, in das er geschlüpft war und fuhr an eine bereits ausgesuchte Stelle. Dort waren viele Mäuselöcher im Gras, ganz abgelegen im Grünen, in der Nähe einer Gärtnerei. Dort findet der Hund auch immer was zu fressen, dann dürfte das Angebot für Mäuse paradiesisch sein.

Während der Autofahrt schaute er ein letztes Mal aus seinem Heunest. „Danke!“

Unter dichte Brennnessel, legte ich sein Heunest. Er wartete bis ich die Stelle verlassen hatte, bevor er in die große weite Welt zog. Er wusste, dass ich nicht sehen wollte, wie er mir so unwiederbringlich entwischt.

Eigentlich war ich gar nicht so ängstlich und traurig, wie ich mir diesen Moment vorgestellt hatte, denn im Herzen wusste ich: „Er wird es schaffen, der kleine Kämpfer!“ Aus dem nassen, blinden Mäusebaby, war eine erwachsene Waldmaus geworden, die sich ein glückliches Leben in Freiheit erkämpft hat!

 

Ich gab Lukas die notwendige Starthilfe und er lehrte mich Loslassen, Vertrauen und vieles mehr. „Ich danke Dir!“

 

In Liebe, Deine Schülerin

 

August, 2007

 

© Systemische Traumatherapie - EMDR


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